Ärzte Zeitung, 03.12.2003

HINTERGRUND

Die ersten Daten großer Studien belegen: Akupunktur ist wirksam

Von Gabriele Wagner

Was ist dran an der Akupunktur? Diese Frage wird zum erstenmal in sehr großen kontrollierten Studien in Deutschland geklärt, an der über eine Million Patienten mit chronischen Kopf-, Knie- und LWS-Schmerzen teilnehmen. Die vollständigen Studienergebnisse werden zwar erst Anfang bis Mitte 2004 veröffentlicht werden, doch erste Daten sind schon jetzt bekanntgegeben worden: Etwa jeder zweite Patient mit chronischen Kopf-, Kniegelenk- und LWS-Schmerzen verspürt nach acht bis neun Akupunkturbehandlungen eine mindestens 50prozentige Schmerzlinderung (wie gestern bereits kurz berichtet).

Daten von etwa 1,2 Millionen Probanden werden erhoben

Sie wirkt offensichtlich doch: Akupunktur bei chronischem Schmerz. Foto: dpa

Eine Studie mit etwa 500 000 Patienten wird vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung (ZnF) der TU München unter der Leitung von Privatdozent Dieter Melchart koordiniert. Eine zweite Studie mit bislang 215 000 Patienten läuft an der Charité in Berlin unter Leitung von Professor Stefan Willich. Eine weitere große Akupunkturstudie mit etwa 500 000 Patienten koordiniert Professor Hans Joachim Trampisch an der Ruhr-Universität Bochum. Alle Studien werden von gesetzlichen Krankenkassen als Partnern unterstützt, die für ihre Versicherten, die an diesen Studien teilnehmen, die Kosten der Behandlungen übernehmen.

Akupunktur wird mit einer Standardtherapie verglichen

Charité und TU München machen ihre Studien zwar unabhängig voneinander, kooperieren aber und haben etwa Studiendesigns in Zusammenarbeit entwickelt. In einem Studiearm etwa werden in vier randomisierten Studien jeweils 300 Patienten erfaßt, die entweder Spannungskopfschmerz, Migräne, LWS- oder Gonarthroseschmerzen haben.

Für jede Gruppe werden randomisiert drei Verfahren miteinander verglichen: "Das ist einmal die Verum-Akupunktur, also eine Akupunktur, bei der diejenigen Punkte stimuliert werden, die mit dem jeweiligen Schmerz assoziiert sind. Eine zweite Gruppe erhält eine Minimal-Akupunktur, bei der unspezifische Punkte und diese weniger tief genadelt werden. Eine dritte Gruppe erhält keine Akupunktur. Patienten aller Gruppen dürfen ihre jeweiligen Basismedikamente einnehmen, während der Studiendauer aber keine neuen Medikamente", sagte Dr. Wolfgang Weidenhammer vom ZnF zur "Ärzte Zeitung".

Jeder zweite Patient verspürt eine Schmerzlinderung

Erste Daten belegen, daß bei etwa jedem zweiten Patienten die Akupunktur zu einer deutlichen Linderung der Beschwerden führte. In der dritten Gruppe ohne Akupunktur verspürte nur jeder Zehnte eine Linderung. Und: Bei den Patienten mit Gonarthroseschmerzen gab es signifikante Unterschiede zwischen Verum-Akupunktur (wirksamer) und Minimal-Akupunktur (weniger wirksam), bei Migräne gab es keine signifikanten Unterschiede. Bei LWS-Schmerzen ist noch unklar, ob es Unterschiede gibt.

In einem anderen Studienarm wird bei knapp 500 Migräne-Patienten eine medikamentöse Standardtherapie mit Verum-Akupunktur verglichen. Und in einer Beobachtungsstudie wurden bei mehr als 500 000 Patienten die Behandlungserfolge evaluiert. Eine Stichprobe von mehr als 6000 Patienten ergab, daß 44 Prozent eine mindestens 50prozentige Schmerzlinderung nach Akupunktur spürten.

GERAC erfaßt etwa 500 000 Schmerz-Patienten

Die Ruhr-Universität Bochum hat zusammen mit ihren Partnerkrankenkassen vor drei Jahren ebenfalls eine große Akupunkturstudie (GERAC, German Acupuncture Trials) auf den Weg gebracht. In einer Kohortenstudie erhalten etwa 500 000 Patienten mit Migräne, Spannungs-, LWS-, Hüft- oder Kniegelenkschmerzen zehn Akupunkturbehandlungen. Zwei Drittel der Teilnehmer sind Frauen. "Unter anderen werden auch alle schwerwiegenden Ereignisse dokumentiert, die zum Abbruch der Akupunktur führen", sagte Dr. Heinz Endres von der Uni Bochum zur "Ärzte Zeitung".

Und in vier kontrollierten Studien mit jeweils etwa 1000 Patienten mit Migräne, Spannungskopfschmerz, Knie- oder LWS-Schmerzen werden zum Teil drei Verfahren verglichen: Verum-Akupukturen, Sham-Akupunkturen (also Stimulation von Punkten, die nach Feststellung mehrerer Akupunkturgesellschaften nicht mit den jeweiligen Schmerzen assoziiert sind) sowie eine medikamentöse Standardtherapie.

FAZIT

Das Jahr 2004 wird spannend, was die Akupunktur angeht: Daten von mehr als 1,2 Millionen Patienten mit chronischen Kopf-, Gelenk- und LWS-Schmerzen werden über die Wirksamkeit der Akupunktur bei diesen Indikationen Aufschluß geben. Die wissenschaftliche Basis ist gut: Wie etwa bei pharmakologischen Studien üblich, werden auch in diesen Akupunkturstudien Verum- mit Minimal- oder Sham-Akupunkturen sowie Standardtherapien verglichen. Und unerwünschte Ereignisse werden ebenfalls grundsätzlich erfaßt.




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