Ärzte Zeitung, 02.06.2003

IM GESPRÄCH

Neurowissenschaftler und Schamanen entdecken Gemeinsamkeiten

Von Beatrice Wagner

Annäherung der Medizinkulturen als Vision: Der Dalai Lama hat einen internationalen Kongreß angeregt. Foto: dpa

Das geistige und politische Oberhaupt der Tibeter, der XIV. Dalai Lama, hatte eine Vision. Er sah, daß Grenzen zwischen den Medizinkulturen überwunden werden und eine Verständigung zwischen den Vertretern von Schulmedizin und traditioneller Medizin zustande kommt.

Diese Vision ist am Wochenende auf den ausdrücklichen Wunsch des Dalai Lama in München Realität geworden. "Medizin im Kontext der Kulturen" hieß ein mehrtätiger Kongreß, auf dem Besucher aus anderen Kulturkreisen - Ärzte, Schamanen und traditionelle Heiler - deutschen Wissenschaftlern und Medizinern neue Welten eröffneten und sie zur Suche nach Gemeinsamkeiten einluden.

Wie wichtig eine solche Kommunikation ist, betonte auch Mitveranstalter Professor Ernst Pöppel, Neurophysiologe aus München, der die Konferenz in der Begrüßungsrede gar zur wichtigsten des Jahres 2003 ausrief - eine Aussage die sich schnell zum geflügelten Wort wandelte und wieder und wieder zitiert wurde. Und tatsächlich, es zeigte sich, daß beispielsweise ein Schamane und ein Hirnforscher in ihren Vorträgen das absolut gleiche beschrieben - jeder natürlich aus seinem Kontext heraus und jeder mit seinem Vokabular.

Das Plenum "Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sprache" stand unter dem Motto "Kommunikative Prozesse als Heilungsprozesse". Aber es ist gar nicht so leicht, mit jemand zu kommunizieren. Wie oft treten Mißverständnisse auf zwischen Mann und Frau, zwischen Kind und Eltern, zwischen Arzt und Patient oder zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen. Warum dies gar nicht anders sein kann, erläuterte Pöppel: "Wir treten in die Welt mit genetisch vorgegeben Programmen von möglichen Verbindungen zwischen Nervenzellen. Die Reifung eines Kindes besteht darin, daß in den ersten Lebensjahren solche Nervenverbindungen stillgelegt werden, die bei der Geburt noch vorhanden sind, die aber nicht gebraucht werden. Auf diese Weise wird unser Gehirn von den individuellen und von den kulturellen Randbedingungen geprägt."

Schamanen wandern zwischen Bewußtseinszuständen

Dann kam der Auftritt des Schamanen Jabrane Sebnat aus Marokko. Er lud die Besucher dieses etwas anderen Kongresses zunächst auf eine Reise ins Innere ein, so wie bei Schamanen üblich: Das Licht im großen Vortragssaal ging aus, nur der Schamane war erhellt, während er die Zuhörer in eine schöne, farbige und liebevolle Welt führte.

Dann erzählte Sebnat, Koordinator eines internationalen ganzheitlichen Instituts in Marrakesch, von den Aufgaben eines Schamanen. So muß ein Schamane dazu fähig sein, zum einen in Kontakt zu den gestorbenen Ahnen zu treten und zum anderen in Kontakt zu den Kranken, die geheilt werden wollen. Um ein Meister des In-Kontakt-Tretens zu werden, durchläuft ein Schamane in seiner langen Ausbildungszeit eine Phase der Einsamkeit mit Schwitzen, Fasten und Beten. Das Ziel besteht darin zu lernen, zwischen den verschiedenen Bewußtseinszuständen hin und her zu wandern. Oder anders ausgedrückt: "Man muß lernen, die Muster seines Verstandes hinauszublasen", sagte Sebnat. Damit könne man sich öffnen für neue Welten, aber auch für neue Ideen, Träume und Visionen. Damit könne man auch die eigene innere Stimme empfangen, die in wichtigen Situationen versucht, einem selbst etwas zu sagen.

"Die Struktur unseres Gehirns ist eine Prägung durch die individuellen und die kulturellen Randbedingungen in der Kindheit". Dies war das Credo des Hirnforschers Pöppel auf dem Kongreß. Und: "Man muß lernen, die Muster seines Verstandes hinauszublasen", so sprach der Schamane Sebnat.

Erkenntnisse über das Gehirn sind ähnlich

Der Dalai Lama hatte vorhergesehen, daß eine Kommunikation zwischen den Medizinsystemen eine Annäherung bringt. War das nicht die erste Annäherung, daß ein Hirnphysiologe und ein Schamane, also die Wissenschaft und der Geisterkult, zu einer ähnlichen Erkenntnis über unser Gehirn gekommen sind?

Die Konsequenzen, die daraus im Alltag gezogen werden, sind allerdings unterschiedlich in den Kulturen: Für die westliche Welt gilt es als erstrebenswert, den inneren Zustand möglichst ausgeglichen zu halten und die äußeren Zustände - um der Unterhaltung und der Abwechslung willen - häufiger zu verändern, für Schamanen ist es dagegen genau umgekehrt. Sie versuchen, die äußeren Bedingungen möglichst konstant zu halten, damit sie sich - im Inneren frei - immer wieder verändern und zwischen den Welten wandern können. Hier täte uns eine Annäherung vielleicht gut.



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