Ärzte Zeitung, 03.09.2003

IM GESPRÄCH

Wie positive Gedanken das Immunsystem stärken können

Von Ursula Gräfen

Sie bekommen selten Schnupfen, haben eine besonders gute Lungenfunktion und leben sogar länger: Optimisten freuen sich nicht nur mehr am Leben als Pessimisten, sondern sie sind auch gesünder. Das ist in einigen Studien aus den USA nachgewiesen worden.

Eine Binsenweisheit, mag der eine oder andere denken. Wenn man gut drauf ist, geht einem halt alles besser von der Hand als an Tagen, an denen man nur genervt ist. Und man fühlt sich besser, stärker, gesünder. Die Einstellung macht eben viel aus, und sie scheint auch einen Einfluß auf das Immunsystem zu haben. Ganz banal, das weiß doch jeder.

Gut, aber wie beeinflußt die Gemütslage das Immunsystem? Das haben jetzt US-Forscher aus Madison in einer neuen Studie gezeigt. Sie haben einen direkten Zusammenhang zwischen Emotionen und Immunsystem nachgewiesen und darüber im US-Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Science" berichtet.

Der präfrontale Kortex ist der Vermittler

"Wir haben uns gleich das Gehirn vorgeknüpft, um die Mechanismen aufzudecken, wie Denken den Körper beeinflußt", wird Studienleiter Dr. Richard Davidson von der University of Wisconsin in Madison vom britischen Sender "BBC" zitiert. Er und seine Kollegen sind davon ausgegangen, daß der präfrontale Kortex der Vermittler zwischen Emotionen und Immunsystem sein könnte.

Denn diese Gehirnregion ist eng verknüpft mit gefühlsmäßigen Reaktionen auf Ereignisse: Und zwar aktivieren positive Gefühle den linken Teil des präfrontalen Kortex und negative den rechten, der auch mit Depression in Verbindung gebracht wird.

52 Frauen zwischen 57 und 60 Jahren haben für die Studie Berichte geschrieben entweder über das schlimmste oder über das glücklichste Ereignis in ihrem Leben. Vorher und nachher haben die Forscher das Aktivitätsmuster im Gehirn aufgezeichnet. Nun haben sie ja den Einfluß auf das Immunsystem untersuchen wollen.

Deshalb haben die Frauen eine Grippeimpfung bekommen. In regelmäßigen Abständen haben Davidson und seine Kollegen in den folgenden sechs Monaten die Antikörper-Titer der Probandinnen kontrolliert.

Mehr Antikörper bei positiven Gedanken

Ihr Ergebnis hat die Vermutung bestätigt: Die Teilnehmerinnen, die einen positiven Bericht geschrieben hatten und bei denen der linke Teil des Kortex eine hohe Aktivität gezeigt hatte, haben viel mehr Antikörper gebildet als die anderen Frauen.

Bei Menschen mit einem Muster an Gehirnaktivität, das für eine positive Gefühlslage steht, reagiere das Immunsystem am besten auf die Grippeimpfung, zitiert "bild der wissenschaft" Davidsons Fazit.

Wieder eine US-Studie, die zeigt, daß Optimismus das Immunsystem stärkt. Müssen wir jetzt alle Optimisten werden? Sollen wir uns ganz dem Trend des positiven Denkens ausliefern, der seit Jahren in den USA propagiert wird? Sollen wir den Ernst des Lebens, den wir Deutschen ja so gerne betonen, leugnen und eine Happy-go-lucky-Einstellung annehmen? Immer nur Spaß haben, immer nur lachen?

Steter Optimismus ist vielen zu oberflächlich. Die Moderne sei der "Versuch, den Optimismus zur alleinigen legitimen Haltung zu erklären", kritisiert etwa der Philosoph Wilhelm Schmidt aus Berlin laut dpa in der neuen Ausgabe von "Psychologie heute". Moderne Menschen müßten immerzu fröhlich, "in jüngerer Zeit geradezu peinlich fröhlich" sein.

Er und verschiedene Kollegen plädieren stattdessen für Heiterkeit als Lebenseinstellung. Heiterkeit, so Schmidt, resultiert nicht aus oberflächlichem Optimismus, sondern ist mit einem "Bewußtsein für die Unfehlbarkeit der Widersprüche und Abgründe verknüpft".

Es gehe nicht um "Operettenseligkeit und Showmaster-Spaßigkeit", so der Romanist Professor Harald Weinrich aus Münster. Sondern: "Heiterkeit ist nicht zu niedrigsten Preisen zu haben." Heitere Menschen seien Gratwanderer zwischen Glück und Leid, Freude und Trauer, Witz und Wehmut.

Auch Heiterkeit kann glücklich machen, so Schmidt: "Aber es ist ein anderes Glück als dasjenige, das in der Moderne dafür gehalten wird: nicht das stete Genießen des Angenehmen, Lustvollen, Spaßigen, ,Positiven‘, sondern auch das Hinnehmen des Unangenehmen, Schmerzlichen, Ernsten, ,Negativen‘."

Heiterkeit ist also eine ausgeglichene und positive Einstellung zum Leben. Eine Einstellung, die das Immunsystem stärkt und gesund macht. Vielleicht sogar die gesündeste Lebenseinstellung. Und ein wenig mehr Heiterkeit würde uns Deutschen, die wir so gerne jammern, sicher gut anstehen.

FAZIT

Negative Gefühle schwächen die Immunabwehr: Diese These haben US-Forscher in einer neuen Studie untermauert. Demnach entwickeln Studienteilnehmer mit besonders negativen Emotionen weniger Antikörper nach einer Grippeimpfung als Probanden mit positiven Gefühlen.

Vermittler zwischen Emotionen und Immunabwehr ist der präfrontale Kortex. Bei negativen Gefühlen wird dessen rechter Teil aktiviert, der auch mit Depressionen in Verbindung gebracht wird. Positive Emotionen dagegen aktivieren den linken Teil.




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