Forschung und Praxis, 03.03.2003

Ginkgo-Extrakt wirkt neuroprotektiv, indem er die Mitochondrien-Funktion stabilisiert

Extrakte aus Ginkgo biloba sind eine Alternative zu synthetischen Medikamenten in der Behandlung von Patienten mit dementiellen Syndromen. Die antidementive Wirkung der Extrakte beruht vermutlich auf mehreren Effekten. So sind in experimentellen Studien mehrere positive Wirkungen nachgewiesen worden wie

  • eine Beeinflussung des cholinergen Systems, zum Beispiel im Hippocampus, Hypothalamus und Corpus striatum,
  • eine gesteigerte Hypoxietoleranz, zum Beispiel nach Ischämie,
  • eine Hemmung des programmierten Zelltods (Apoptosehemmung),
  • antioxidative Wirkungen, indem besonders die im Extrakt enthaltenen Flavonoide zellschädigende freie Radikale abfangen,
  • hämodynamische und hämorheologische Wirkungen.

Mitochondriale Dysfunktion - ein wichtiger Pathomechanismus

Neue präklinische Forschungsergebnisse deuten darauf hin, daß sich die positiven Effekte von Ginkgo-biloba-Extrakten über einen gemeinsamen Wirkungsmechanismus erklären lassen: den Schutz der Mitochondrien vor zellschädigenden Einflüssen und die Stabilisierung ihrer Funktionen auch nach der Einwirkung von Noxen. Die Studien dazu sind fast alle mit dem standardisierten Ginkgo-biloba-Extrakt EGb 761 (Tebonin®) gemacht worden, wie Professor Walter E. Müller vom Biozentrum Niederursel der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu "Forschung und Praxis" gesagt hat.

Nach Angaben von Müller haben mehrere experimentelle Studien, in denen mitochondriale Funktionen zum Beispiel durch H2O2 oder Nitroprussid-Natrium beeinträchtigt wurden, ergeben, daß der Ginkgo-Extrakt nicht nur die Zelle vor Schädigung schützt, sondern daß auch noch nach der Schädigung die Wiederherstellung der Mitochondrien-Funktion beschleunigt und verbessert wird.

Neuen Hypothesen zufolge geht man derzeit davon aus, daß die gestörte Mitochondrien-Funktion auch ein wichtiger Pathomechanismus bei der Alzheimer-Demenz ist. Wie Müller bei einer Veranstaltung des Unternehmens Dr. Willmar Schwabe beim Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin erläuterte, gibt es Hinweise darauf, daß in der Frühphase der Alzheimer-Demenz kleine Aggregate des vermehrt intrazellulär gebildeten Beta-Amyloids die Mitochondrien direkt schädigen oder deren Schädigung bei Einwirkung anderer Noxen begünstigen. Nach experimentellen Befunden lassen sich die durch das Beta-Amyloid verursachten Schäden reduzieren, wenn man die Zellen mit dem Ginkgo-biloba-Extrakt EGb  761 vor- oder nachbehandelt. Wahrscheinlich ist dieser protektive Effekt zum größten Teil auf den Inhaltsstoff Bilobalid und vermutlich auch auf die Ginkgolide zurückzuführen.

Alltagskompetenz und kognitive Fähigkeiten werden gebessert

Die klinische Wirksamkeit des Ginkgo-Extrakts EGb  761 ist in mehreren Studien nachgewiesen worden. In einer 52 Wochen dauernden, Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie mit 309 Patienten mit leichter oder mittelschwerer Alzheimer- oder Multiinfarkt-Demenz hatten sich bei 27 Prozent der Patienten, die mit täglich 120 mg des Extrakts behandelt wurden, die kognitiven Fähigkeiten nach einem Jahr um vier Punkte im ADAS-cog-Test im Vergleich zu Studienbeginn gebessert, mit Placebo nur bei 14 Prozent. Eine Verbesserung um vier Punkte im ADAS-cog-Test entspricht einer Verzögerung der Krankheitsprogression um etwa ein halbes Jahr.

In der Subgruppe der Patienten mit Alzheimer-Demenz kam es sogar bei 29 Prozent zu dieser Verbesserung um vier Punkte im ADAS-cog-Test, mit Placebo war dies dagegen nur bei 13 Prozent der Fall. Die Patienten der Verumgruppe kamen durch die Therapie auch mit ihren Alltagstätigkeiten besser zurecht (JAMA 1997, 278, 1327). (mal / mar)



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