Ärzte Zeitung, 12.05.2003

Ein guter Arzt sollte auch ein Schamane sein

"Medizin im Kontext der Kulturen" - tibetische, chinesische und arabische Heiler kommen zu Kongreß in München

MÜNCHEN (bwa). "Medizin im Kontext der Kulturen" - dies ist das Motto eines Kongresses, der Ende Mai in München stattfindet. Es geht um traditionelle Medizinsysteme, um den Begriff der Heilung und die Befindlichkeit des Patienten. Auch Vertreter der modernen Hirnforschung werden auf dem Kongreß Referate halten.

Ein Arzt will heilen. Natürlich. Wann aber ist ein Patient geheilt? Unsere heutige Medizin würde antworten, wenn das Pathogene, das die Beschwerden und Symptome verursacht hat, wieder verschwunden ist. In traditionellen Medizinsystemen aber wird ein Patient erst dann als gesund betrachtet, wenn sich auch ein Gefühl von Wohlergehen, Zuversicht und Sinnhaftigkeit eingestellt hat. "Diese Ansicht, daß die innere Einstellung des Menschen zur Heilung gehört, ist in traditionellen Systemen viel stärker beheimatet als bei uns", erklärt Professor Klaus Jork aus Frankfurt, der einer der Veranstalter des Fachkongresses "Medizin im Kontext der Kulturen" in München (30. Mai bis 1. Juni) ist, auf dem sowohl Vertreter der chinesischen, tibetanischen, arabischen und ayurvedischen Medizin zu Wort kommen als auch westliche Forscher und Wissenschaftler.

"Die Sichtweise, daß der Patient an seiner eigenen Heilung mitarbeitet und nicht die gesamte Verantwortung auf den Arzt und seinen Rezeptblock ablädt, ist uns im Westen nicht gänzlich fremd", erklärt Jork. Die Mediziner Sebastian Kneipp oder Christoph Wilhelm Hufeland hatten diese Sichtweise in ihre Heilkonzepte eingearbeitet. Als "Salutogenese" hatte der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky in den 70er Jahren das Zusammenwirken von Geist und Körper bezeichnet.

Der Hirnforschung ist es zu verdanken, daß in unserer modernen Medizin der menschliche Körper wieder zunehmend als ein geschlossenes Wirkungsgefüge betrachtet wird. "Wir haben festgestellt, daß das Wissen um Erkrankungen schon eine Rückmeldung auf die Regulation der Organsysteme bewirkt", erklärt der Medizinpsychologe und Neurowissenschaftler Professor Ernst Pöppel aus München, ebenfalls einer der Veranstalter. Er hat festgestellt, daß auch Placebos oder das Gespräch eine solche Rückmeldung bewirken. "Ein guter Arzt sollte also eine quasi-schamanistische Komponente in den Umgang mit seinen Patienten einbringen, so wie es in traditionellen Medizinsystemen der Fall ist", sagt Pöppel.

Ein normaler niedergelassener Arzt hat also durchaus einen Nutzen für seinen beruflichen Alltag, wenn er sich mit der Philosophie hinter den traditionellen Medizinsystemen beschäftigt. Gelegenheit dazu erhält er auf dem oben genannten Kongreß, zu dem noch Anmeldungen möglich sind. Den "krönenden" Abschluß bildet übrigens der Vortrag vom Dalai Lama, der mit seinem Anliegen, einen kulturellen und philosophischen Austausch zwischen Ost und West zu ermöglichen, der ursprüngliche Initiator für diesen Kongreß war.



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